Friedrich List

Volkswirtschaftler und Politiker (1789-1846)

Friedrich List

Mit seiner "Theorie der produktiven Kräfte", die er der klassischen "Theorie der Werte" entgegensetzte, wurde  List zum Vorläufer der historischen Schule der Nationalökonomie. Seine Ideen zur Schaffung großer Wirtschaftsräume mit zukunftsweisender Verkehrsinfrastruktur haben bis heute nicht an Aktualität verloren.

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Friedrich List wurde am 06. August 1789 in Reutlingen geboren und starb in Kufstein am 30. November 1846. Als Verfechter der zollpolitischen Einigung geriet er in Konflikt mit der württembergischen Regierung. List wurde zu Festungshaft verurteilt, der er sich durch Flucht in die USA entzog. Ab 1830 war List im konsularischen Dienst der USA in Europa tätig, gleichzeitig wurde er zum Vorkämpfer des Eisenbahnbaus in Deutschland und zum Propagandisten des Deutschen Zollvereins.

Seine Vision der wirtschaftlichen Einheit Deutschlands im 19. Jahrhundert ist vergleichbar mit dem Zusammenwachsen Europas im 20. Jahrhundert. Als sein Hauptwerk gilt "Das nationale System der politischen Ökonomie" (1841).

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Das Bertelsmann-Lexikon über Friedrich List

List, Friedrich, Nationalökonom u. Wirtschaftspolitiker, * 6. 8. 1789 Reutlingen, + 30. 11. 1846 Kufstein (Selbstmord); gründete 1819 den Deutschen Handels- u. Gewerbeverein zur Vorbereitung der dt. Zolleinigung. Als Abgeordneter forderte er demokrat. Verwaltungsreformen, wurde deshalb 1822 zu Festungshaft verurteilt, konnte aber nach den USA auswandern. Seit 1830 war er amerikan. Konsul in Dtschld., setzte sich für den Bau eines dt. Eisenbahnnetzes ein. Als Wirtschaftstheoretiker wandte sich L. gegen die klass. Nationalökonomie, betonte die produktive Kraft der Arbeit u. der Arbeitsinvestitionen (Theorie der produktiven Kräfte) u. stellte eine Stufentheorie auf.

Stufentheorie, bes. von der Historischen Schule vertretene Lehre von den Entwicklungsstufen der Wirtschaft, so bei F. List (Jagd, Viehzucht, Ackerbau, Ackerbau-Manufaktur, Ackerbau-Manufaktur-Handel), B. Hildebrand (Natural-, Geld- u. Kreditwirtschaft), K. Bücher (Haus-, Stadt-, Volks- u. Weltwirtschaft). Eine moderne S. entwickelte W. W. Rostow ("Stadien wirtschaftl. Wachstums" 1960, dt. 1961).

© 1995, 1996 Bertelsmann Lexikon Verlag

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Wilhelm Hankel in der Süddeutschen Zeitung vom 29.11.1996 zum 150. Todestag von Friedrich List

Der Ökonom Friedrich List: Verkannt in alle Ewigkeit?

Am 30. November jährt sich zum 150. Male der Freitod des Professors, der nur im Ausland gebührende Anerkennung fand

Deutschland war vor 150 Jahren ein Drittweltland: dynastisch zerrissen, miserabel regiert, wirtschaftlich unterentwickelt. Doch an seinen staatswissenschaftlichen Fakultäten gärte es. Die neue Klasse der Ökonomieprofessoren verbreitete mit Inbrunst die neue und ganz und gar prosaische und unromantische Lehre: Nicht mehr der Staat ist unser Gott wie in Preußen und bei Professor Hegel, sondern die Wirtschaft. Denn die Wirtschaft entscheidet, ob Menschen reich und Staaten mächtig werden, und dafür stehen zwei unwiderlegliche Beweise - das industriell fortschrittliche England, das mit Geld und Krämergeist den letzten Helden Europas, Napoleon, besiegt und gedemütigt hatte, und die Lehre des Adam Smith. Wer seinen Smith gelesen und verinnerlicht hatte, der wußte schon damals - vier Generationen vor Lady Thatcher -, daß es keine Gesellschaft gibt, sondern nur Individuen, und daß der Schlüssel zum 'Wohlstand der Nationen' einzig und allein in der Freiheit des privaten Gelderwerbes liegt.

Nur einer war und blieb damals skeptisch, ein junger Autodidakt und trotzdem Tübinger Professor: Friedrich List. Sein autokratischer Landesherr, Württembergs König von Napoleons Gnaden, hatte ihn dazu gemacht aus Dank, weil der junge Beamte zuvor den Augiasstall seiner total verlotterten Verwaltung ausgemistet hatte. Aber kaum berufen, stellte der Neue störende Fragen: Muß man nicht bei der Unterwerfung unter die Smithsche Lehre Englands überlegene Stellung als Partner in Rechnung stellen? Denn wer die (Handels-)Macht hat, hat mehr von der Freiheit als die anderen. Und heißt wirtschaften wirklich nur tauschen und nicht viel umfassender: aus Möglichkeiten Wirklichkeiten schaffen, aus (Ressourcen-)Potentialen Produkte, Einkommen, Vermögen? Und überhaupt: Wie kommt jemand dazu, unter Ökonomie etwas ähnliches zu verstehen wie unter Chemie oder Physik, eine exakte Wissenschaft mit ehernen, zeitlosen Gesetzen? Wirtschaft, das lehrt doch bloßer Augenschein, das ist für Menschen wie Gesellschaften ein permanent ablaufender Prozeß der Lebenserhaltung und -vorsorge, der überhaupt nicht von seinem Umfeld getrennt werden kann: Natur, Technik, Staat, Gesetze und Regeln. Die Smithsche Marktwirtschaft ist in all das eingebettet, davon abhängig; denn, so List, 'nirgendwo haben Arbeitsamkeit und Sparsamkeit, Erfindungs- und Unternehmergeist der Individuen Bedeutendes hervorgebracht, wo sie nicht durch bürgerliche Freiheit, die öffentlichen Institutionen und Gesetze, durch die Staatsadministrationen und durch die äußere Politik, vor allem aber durch die Einheit und Macht der Nation unterstützt gewesen sind'.

Das war zwar nur Common sense, bedeutete aber für die auf die universellen Marktgesetze eines Smith oder Ricardo eingeschworenen Kollegen die offene Provokation. Was sie ihm damals anhängen, klebt lange. List ist, als Gegner der klassischen Freihandelslehre, ein unwissenschaftlicher Merkantilist; als unermüdlicher Propagator der Synthese von Staat und Wirtschaft ein hoffnungsloser Romantiker und rückständiger Protektionist. Was er als Fortschritt ausgibt, ist das Gestern und nicht die Bewältigung der Zukunft.

Am schlimmsten zahlt es ihm der junge Mann heim, dem er seine einträgliche Stelle bei der Rheinischen Zeitung vermacht - Karl Marx. Zusammen mit Friedrich Engels beschuldigt er List, der doch nur eines im Sinne hat, das Gleichziehen Deutschlands mit England, ein Söldner des preußischen Klein-Kapitalismus zu sein. List, mittellos wie er gegen Ende seines Lebens war, hätte nichts gegen einen Sold einzuwenden gehabt, doch er blieb aus. Marx und Engels aber waren schon damals die mit Hilfe der Listschen Rezepte zu schaffenden Arbeitsplätze und Arbeitseinkommen total gleichgültig. Sie brauchten den an sein Proletarierdasein gefesselten Arbeitssklaven zur 'wissenschaftlichen' Demonstration ihrer Gesetze.

Lists Kollegen sorgten für die Beendigung seiner Laufbahn als Professor. Sie halfen auch ein wenig nach, als er kurz darauf wegen Majestätsbeleidigung im Knast landete, ein typisches Schicksal jener Tage für Demokraten, die sich für neue Bürgerrechte einsetzten. List mußte versprechen, seinen württem- bergischen Paß abzugeben - dann durfte er über die Schweiz und Frankreich in das einzige Land emigrieren, das damals Dissidenten mit offenen Armen empfing - die ebenso jungen wie wilden USA.


Leben wie im Abenteuerroman

Lists Leben und Werk liest sich fortan wie ein einziger Abenteuerroman, völlig atypisch für die Vita eines Handwerkersohns, Exbeamten und -professors. Im deutsch besiedelten Pennsylvania entdeckt er Kohlevorkommen und beschließt, sie mit einer eigenen, auf eigenes Risiko finanzierten Eisenbahn (der zweiten der USA) zur Küste zu bringen und transportfähig zu machen. List macht in kürzester Frist ein Millionenvermögen. Im aufziehenden Wahlkampf schlägt er sich auf die Seite Andrew Jacksons, dem ersten in der langen Reihe populistischer Präsidentschaftskandidaten. Als Jackson gewinnt, nicht zuletzt dank Lists Ideen und Pamphleten von 'American Way' und der deutschen Stimmen aus Pennsylvania, könnte List Minister, ja vielleicht sogar Vizepräsident der USA werden. Doch er will nach Hause, das Heimweh nach Deutschland verzehrt ihn. Sein Freund Jackson macht ihn zum US-Generalkonsul für Deutschland und damit immun gegen die Strafverfolgung durch seine schwäbischen Landsleute.

List gründet den deutschen 'Handels- und Gewerbeverein', eine Art Vorläufer des heutigen BDI, und propagiert den 'Deutschen Zollverein'. Im Jahre 1834 schließen sich 38 deutsche Duodezstaaten zu einer Zollunion unter der Führung Preußens zusammen. Deutschlands Gemeinsamer Markt - unter Ausschluß Österreichs - wird zur Vorstufe und treibenden Kraft der Politischen Union und Vereinigung unter Bismarck. Erst Bismarck (seinen List hatte er, wie er später bemerkt, stets griffbereit auf dem Nachttisch zu liegen) 'krönt' diesen wirtschaftlichen Zusammenschluß durch eine gemeinsame, reichseinheitliche Währung - die Mark (1873) - was heutigen Euro- Enthusiasten zu denken geben sollte!

List freilich trommelt unermüdlich weiter. Deutschlands entstehende Volkswirtschaft braucht eine verläßliche, ihre Wettbewerbskraft steigernde, weil kostenverbilligende Infrastruktur: ein Netz von Eisenbahnen und Wasserwegen sowie Vereinheitlichung seiner inneren Gesetze, Steuer- und Abgabensysteme. Er entwirft Pläne für neue Eisenbahnlinien in Sachsen, Bayern und Württemberg, für neue Kanalbauprojekte, u. a. einen Rhein-Donau-Kanal und die Schiffbarmachung der Donau bis hin zum Schwarzen Meer. Er spricht bei Fürsten, Ministern, Geld- und Industriebaronen vor. Man empfängt ihn, nickt zu seinen Plänen und Ideen. Aber ein Amt oder Geld gibt ihm keiner. Und List hat beides bitter nötig - denn sein US-Bankier hat Pleite gemacht, und Lists bei ihm angelegtes Vermögen ist bis auf den letzten Dollar 'vom Winde verweht'.

Sein Stuttgarter Verleger Cotta weiß sich und ihm nur einen Rat. List soll sein in zahlreichen Artikeln, Denkschriften, Entwürfen zu Reden und Büchern verzetteltes Gedankengut ordnen und sammeln - in einem großangelegten, mehrbändigen Standardwerk zur modernen Handels-, Manufaktur- und Volkswirtschaftslehre, einem Anti-Smith. Im Jahre 1841 erscheint der erste Band (von insgesamt sechs geplanten) von Lists Nationalem System der Politischen Ökonomie. Sein Erfolg ist durchschlagend - schon im nächsten Jahr erscheint ein Nachdruck und bald darauf der dritte. Aber es bleibt beim ersten Band.

Heute ein Klassiker

Dennoch hat List mit ihm den Grundstein gelegt für die Dynamisierung der Wirtschaftstheorie, ihre praktische Nutzanwendung und Verdichtung zu moderner Wirtschaftspolitik und ihre Einordnung in den Kanon der anderen politischen Wissenschaften: Geschichte, Soziologie sowie Rechts- und Staatslehre. Posthum ist Friedrich List ein polit-ökonomischer Klassiker - aber weniger bei uns als bei unseren Nachbarn in Dritter und ehemals Zweiter, inzwischen post-kommunistischer Welt, wo man noch immer dabei ist, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft in ein vernünftiges 'nationales System' zu bringen. Und man muß bei John Kenneth Galbraith nachlesen, wer dieser List wirklich war: Deutschlands bedeutendster Weltökonom und bis heute fortwirkender Anstoß zur modernen Institutionen-Ökonomik.

Er aber, nochmals zurückgekehrt, fühlte sich aufs neue verkannt. Denn sein - zudem befristeter - 'Schutzzoll', der arme, aber zurückgebliebene Nationen zur vollen und eigeninitiativen Entfaltung ihrer 'productiven Kräfte' bringen und ihre Gesellschaften dynamisieren sollte, dient einem alt und müde gewordenen Europa, das sich aus lauter Angst vor dem globalen Wettbewerb hinter hohe Festungsmauern des Protektionismus flüchtet, als Rechtfertigung für Besitzstandswahrung und Schließen statt Öffnen von Märkten. Genau diese statische, kontraproduktive Anwendung seiner Theorie hatte sich List zeitlebens verbeten.

Professor Dr. Wilhelm Hankel ist Wirtschaftswissenschaftler und Finanzfachmann. Er lebt in Königswinter.

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Dieter Senghaas über Friedrich List

Binnenmarktorientierung als Basis wirtschaftlicher Entwicklung

Friedrich List sah in der ersten  Hälfte des 19. Jahrhunderts gegenüber dem einzigen industriell entwickelten Land, Großbritannien, für die Länder der "zweiten Stufe", Kontinentaleuropa und die USA, eine Chance zur Entwicklung nur darin, dass sie ihre Wirtschaft gegen die britische Konkurrenz durch selektive "Erziehungszölle" so lange schützen, bis sie sich aus eigener Kraft auf dem Weltmarkt behaupten könnten. Dieses Ziel sollte der Staat durch innenpolitische Förderungsmaßnahmen (Agrar-, Rechts- und Verwaltungsreformen, Ausbau der Infrastruktur, Förderung der Humankapitals) zu erreichen suchen. List wurde damit zu einem früheren Vertreter jener Entwicklungstheorien, die auf eine systematische Erschliessung des jeweiligen Binnenmarktpotentials ausgerichtet sind.

I. Friedrich List war vieles: Ökonom, Eisenbahnbaupionier, Beamtenkritiker, Verwaltungsreformer, Vordenker einer europäischen Wirtschaftsunion, aber auch Reutlinger, Württemberger, deutscher Patriot und Kosmopolit. Als er in der Französischen Akademie seinen Essay von veritabler Buchlänge "Das natürliche System der Politischen Ökonomie" einreichte, wählte er zum Motto: "Et la patrie, et l¹humanité". Ein Nationalist war er zu keiner Zeit, obwohl er, wie in seinen Schriften wohlbegründet, die jeweilige Volkswirtschaft (Nationalökonomie) in das Zentrum seiner Analyse rückte, so vor allem in der sämtliche früheren Überlegungen bündelnden Hauptschrift "Das nationale System der Politischen Ökonomie" (1841 zum erstenmal veröffentlicht). Jedoch, die jeweilige Volkswirtschaft sah List immer schon im Kontext einer hierarchisierten Weltwirtschaft und der in ihr angelegten modernen Entwicklungsproblematik. Darin unterschied er sich von gängigen Nationalökonomen.

Es kann kein Zweifel daran bestehen: Friedrich List (1789-1846) war in Kategorien des heutigen Verständnisses ein Entwicklungstheoretiker, Entwicklungspolitiker und vor allem Entwicklungsplaner. Aus eigenem Antrieb oder in Antwort an ihn herangetragene Aufträge formulierte er Denk- und Bittschriften, heute würde man sagen: Entwicklungsprojekte, die auf eine durchgreifende Verwaltungsreform, die Förderung von Industrie und Gewerbe und eine Verbesserung der Infrastruktur ausgerichtet waren. Die Verkehrsplanung, insbesondere der Eisenbahnbau, wurde zu einer seiner Lieblingsbeschäftigungen. Und wie heutige Entwicklungsplaner, so war auch List unermüdlich unterwegs; Rastlosigkeit prägte sein Leben. Doch diese seine Arbeit war zu keinem Zeitpunkt lukrativ. Mißgriffe bei den wenigen Privatinvestitionen, die er tätigte, trieben ihn mehrfach an den Rand des Ruins. Um so bemerkenswerter ist, daß List trotz dieser brüchigen materiellen Grundlage gegen Ende seines Lebens doch noch die Kraft hatte, das oben zitierte Grundlagenwerk über die moderne Entwicklungsproblematik vorzulegen. Einen vorgesehenen zweiten Band konnte er allerdings nicht mehr schreiben.

Friedrich List, der zunächst als Aktuar in der württembergischen Verwaltung tätig war, wurde ohne geregelte akademische Vorbildung 1817 zum Professor für Staatswirtschaft in Tübingen ernannt. 1819 gründete er den Deutschen Handels- und Gewerbeverein, der für die Abschaffung der Binnenzölle in Deutschland und einen Schutzzoll nach außen werben sollte. Dies kostete ihn seine akademische Karriere. Als Politiker verfocht er weiter seine Zolleinigungsideen, wurde aber 1822 wegen "staatsfeindlicher Aufreizung" zu Festungshaft verurteilt. Er floh in die USA, wo ihm sein Eintreten für die amerikanische Schutzzollbewegung hohes Ansehen verschaffte. 1832 als amerikanischer Konsul nach Deutschland zurückgekehrt, warb er vor allem für den Aufbau eines deutschen Eisenbahnnetzes. Erneuten Anfeindungen wich er 1837 nach Paris aus, wo er sich für das Eisenbahnsystem in Frankreich einsetzte. Ein gesicherter Lebensunterhalt blieb ihm bei alldem versagt. Starke Depressionen führten 1846 zu seinem Selbstmord. 

Worin besteht die Listsche Problemsicht?

Ausgangspunkt der Listschen Überlegungen ist das Problem "nachholender Entwicklung". Es entsteht, wenn zwischen Ökonomien, die miteinander einen regen Austausch pflegen, ein Kompetenzgefälle besteht. Dann steht einer weniger produktiven Ökonomie eine produktivere gegenüber. Aus dem Gefälle an Fähigkeiten resultiert bei anhaltendem Austausch ein Verdrängungswettbewerb zugunsten der "mehr vorgerückten Ökonomie" und zuungunsten der "minder vorgerückten": Die Vorreitergesellschaft oder Spitzenökonomie ­ zu Lists Zeiten Großbritannien ­ wird dann mühelos imstande sein, die mit hoher Produktivität erzeugten Waren preisgünstig auf den nationalen und internationalen Märkten abzusetzen. Gibt es keine Schutzmaßnahmen, werden die andernorts mit geringerer Produktivität erzeugten Waren niederkonkurriert. Und ist überdies das Kompetenzgefälle besonders groß, so werden eventuelle Anstrengungen der Gegensteuerung oft von vornherein entmutigt. Dann droht bei den Nachzüglern die Leistungs- und Innovationsbereitschaft zu versiegen, da die kompetentere Spitzenökonomie in jeder Hinsicht ihre Überlegenheit ausspielen kann: in den Produktionsverfahren, im Hinblick auf die Produkte selbst sowie vor allem hinsichtlich der Fähigkeit zu kontinuierlicher Innovation. Das Gefälle wird zu einem strukturellen Gefälle und dokumentiert sich in dem, was die spätere Entwicklungstheorie als Kluft zwischen "Zentren" und "Peripherien" bezeichnet hat.

In seinem Hauptwerk hat Friedrich List diese Erscheinung des "Peripherisierungsdrucks" und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Regression eingehend geschildert. Er hatte dabei nicht die Länder der Dritten Welt, der "heißen Zone", im Auge, sondern den europäischen und den nordamerikanischen Kontinent. Deren Abgleiten in Außenposten der englischen Ökonomie als der Spitzenökonomie seiner Zeit galt es zu verhindern. In dieser Hinsicht konnte er sich auf kongeniale Überlegungen bei den Gründungsvätern der USA, vor allem bei Alexander Hamilton, beziehen. Aber auch in der europäischen Diskussion war die Problematik nicht unbekannt, nur daß List sie als erster analytisch und im Hinblick auf die Programmatik nachholender Entwicklung zuspitzte. Das macht ihn zum "Klassiker".

Denn List war überzeugt, daß es nicht das Schicksal von Entwicklungsländern ist, einfach von den Produkten, dem Know-how und dem organisatorischen Geschick der Spitzenökonomie überrollt und dadurch in der Weltwirtschaft marginalisiert zu werden. Und keineswegs schicksalhaft war es, bestenfalls einfach zum Lieferanten von unverarbeiteten Rohstoffen und landwirtschaftlichen Gütern für die Spitzenökonomie zu werden.

List sah Alternativen: Der Peripherisierungsdruck, den er als Realist für eine unausweichliche Gegebenheit hielt, konnte auch als Herausforderung verstanden wer- den. Durch Imitation, geeignete Schutzvorkehrungen und gezielte Entwicklungsprojekte konnte der Entwicklungsvorsprung verringert oder ganz beseitigt werden. In solchem Falle käme es zu einer innovativen Antwort auf Peripherisierungsdruck, ganz anders als im Falle passiver Regression oder auch der einseitigen Ausrichtung einer nachgeordneten Ökonomie (qua Exklaven- oder Plantagenökonomie) auf die Bedürfnisse der Spitzenökonomie.

Lists erster Beitrag zur Analyse der modernen Entwicklungsproblematik besteht also in der Diagnose der Struktur und Dynamik eines schon zu seiner Zeit deutlich hierarchisierten Weltmarkts: in der Thematisierung von Kompetenzgefälle und Peripherisierungsdruck. Aus diesem Zusammenhang heraus resultiert überhaupt das, was als moderne Entwicklungsproblematik zu bezeichnen ist. Sein zweiter Beitrag galt der Frage, unter welchen Voraussetzungen und auf welchem Wege eine nachholende Entwicklung trotz Peripherisierungsdrucks möglich ist. Wie entgeht man der Peripherisierung ­ oder wie List formuliert hätte, der "Verkrüppelung" ­ einer Ökonomie, die als solche dann keine Chance mehr besitzt, eine kohärente Volkswirtschaft zu werden? Die Antwort auf diese Frage ist in Lists entwicklungspolitischen Überlegungen enthalten.

Lists Entwicklungsprogramm

Lists Überlegungen sind in der Übergangsphase von feudalaristokratischer Ordnung zur industriellen Gesellschaft lokalisiert. Entfeudalisierung ist deshalb für ihn, wenn nicht dem Begriffe nach, so doch in der Sache, ein wichtiges Stichwort. Soll nachholende Entwicklung zustande kommen, so waren entwicklungsförderliche gesellschaftliche und öffentliche Zustände herbeizuführen: An die Stelle feudaler Despotie mußte eine weitsichtige und effizient arbeitende Verwaltung treten; an die Stelle eines in Privilegien erschlaffenden Adels eine an Gewinn und materieller Prosperität orientierte Geschäftswelt; an die Stelle von Leibeigenschaft ein freies Bauerntum. Gut ernährte und gut bezahlte Arbeiter hielt List für eine der Grundlagen zunehmender Arbeitsproduktivität; die segensreichen Auswirkungen frei schaffender Wissenschaften und Künste kontrastierte er mit den Folgen des überkommenen Fanatismus, wie er sich in Religionskriegen und in der Inquisition dokumentierte; eine geistige und sozial mobile Gesellschaft sah er als Gegenstück zu den versäulten Gesellschaften des ancien régime.

Entfeudalisierung kam also der Mobilisierung von produktiven Kräften gleich, die in der überkommenen Gesellschaft brach liegenblieben. Wurde dieser Prozeß gehemmt, mußte es zu Entwicklungsblockaden kommen. Freiheit und Freizügigkeit waren für List wichtige Voraussetzungen eines Entwicklungsprozesses. Ein stabiler staatlicher Rahmen war dabei ebenso wichtig wie Rechtssicherheit und die Erweiterung von Selbstverwaltung. (List hatte über die letztere ganz konkrete Vorstellungen, wie seine frühen Pläne zur Reform der Gemeindeverwaltung in Württemberg dokumentieren.)

Wichtig war auch ein freier Unternehmergeist in allen Schichten der Bevölkerung ebenso wie eine weitsichtig planende öffentliche Verwaltung. Ohne weitverzweigtes Verkehrsnetz (Straßen, Eisenbahnen, Kanäle) würde es keine moderne Entwicklung geben können. Auch ein vielgliedriges Erziehungswesen, angefangen von elementarer Volksbildung bis hin zu den technischen Hochschulen, war für eine gedeihliche Entwicklung unerläßlich.

In diesen Überlegungen, die sich in vielen Dokumenten der zehnbändigen Gesamtausgabe seiner Schriften finden, nimmt List Positionen der späteren entwicklungspolitischen Diskussion vorweg. Was ihn von den Autoren der Zeit nach 1945 jedoch unterscheidet, ist die konfigurative Ausrichtung des Denkens: List thematisierte niemals einzelne entwicklungsförderliche oder -hinderliche Faktoren als isolierte Größen, sondern immer eine Vielzahl von ihnen in ihrer Wechselwirkung. Vor allem war ihm ökonomistisches Denken völlig fremd. Vielmehr zeugt sein Denken von einer empiriegesättigten, vieldimensionalen, an Wahrscheinlichkeitsaussagen orientierten Argumentation. Sie ist auch der Hintergrund für gelegentliche kontrafaktische Überlegungen, mit denen List die Möglichkeiten alternativer Entwicklungswege argumentativ austestete.

Wenn es einen Sachverhalt gibt, dem List einen gewissen Vorrang einräumte, dann kam dies in seiner Hochschätzung für immaterielle geistige Kräfte gegenüber materiellen Gütern zum Ausdruck. Im "unsichtbaren Kapital", d. h. in der Stimulierung von geistiger Arbeit und Erfindungsgeist, von Wissen und Können, kurz von Kompetenzen, erkannte er eine schwerlich durch natürliche Ressourcen ersetzbare Quelle von Energie und Kraft.

List war Erfahrungswissenschaftler im besten Sinne des Begriffes. Er beobachtete positive und negative Entwicklungen und versuchte deren kausale Bedingungsfaktoren klarzulegen. Darüber verwarf er die Idee der "englischen Schule" (d. h. der repräsentativen Theoretiker der weltwirtschaftlichen Spitzenökonomie), Entwicklung sei ein von einer "hidden hand" gelenkter Selbstläufer. Für List war Staatsintervention zum angemessenen Zeitpunkt in angemessenem Ausmaß eine unerläßliche Bedingung für den Erfolg von Entwicklungsprozessen.

Zum einen ging es dabei um innenpolitische Förderungsmaßnahmen, hier insbesondere um Verfassungs- und Verwaltungsreformen sowie um Maßnahmen zum Ausbau der Infrastruktur. Zum anderen hielt er dosierte außenwirtschaftliche Schutzmaßnahmen zur Abwehr schädlicher Einwirkungen durch die Spitzenökonomie für unerläßlich. Beide Maßnahmenbündel waren für ihn gleich wichtig, wenngleich bis heute eigentlich nur sein Plädoyer für den Schutz aufstrebender Industriezweige, also das "infant-industry"-Argument erinnert wird ­ auch dieses allerdings nur etikettenhaft, nicht im Detail. Für die Listsche Argumentation ist aber gerade das Detail von entscheidender Bedeutung gewesen.

Der "Schutzzoll-List"?

 List war keineswegs unter allen Umständen für Schutzzölle. Für besonders schädlich hielt er sie in Agrarwirtschaften mit einem noch niedrigen Entwicklungsstand. Aber auch in entwickelten Gesellschaften sollte die Produktion landwirtschaftlicher Güter und von Rohstoffen nicht geschützt werden. Im ersteren Fall, bei noch wenig entwickelter Produktivkraft, würden nämlich Schutzmaßnahmen die erforderliche anfängliche Stimulierung der produktiven Kräfte behindern; im letzteren Falle, bei hochentwickelten Produktivkräften, würde der Schutz landwirtschaftlicher Erzeugnisse die Lebenshaltungskosten erhöhen, also einen gesamtwirtschaftlich negativen Effekt zeitigen.

Der Schutzzoll war als ein flankierendes außenwirtschaftspolitisches Instrument gedacht, um die Überlebenschancen von jungen Industrien in sich schon entwickelnden Gesellschaften zu erhöhen. Aber auch für diesen Fall war der Listsche Vorschlag differenziert: Geschützt werden sollten junge Industrien, die Massenkonsumgüter produzieren, weil diese für die Erschließung des eigenen Binnenmarktes von zentraler Bedeutung sind. Nicht geschützt werden sollte die Produktion von kostbaren und hochwertigen Luxuskonsumgütern. Auch sollte der Import von ausländischen Maschinen und Know-how in einer frühen Phase des Entwicklungsprozesses freizügig gehandhabt werden. Denn solche Ausrüstungsgüter und Technologien der fortgeschrittenen Ökonomie konnte man ja zum eigenen Vorteil und zur Beschleunigung nachholender Entwicklung nutzen.

List hat durchaus die Nachteile der von ihm empfohlenen flankierenden Schutzmaßnahmen gesehen, so beispielsweise die höhe-ren Preise für möglicherweise sogar schlechtere Waren gegenüber den bisher importierten. Aber solche Nachteile waren für List von geringem Gewicht und nur von vor- übergehender Bedeutung. Denn nach seiner Vorstellung führte die auf Massenkonsumgüter ausgerichtete Industrialisierung zur Herausbildung und Stärkung inländischer Konkurrenz und zu einer höheren inländischen Nachfrage nach Agrargütern aus der eigenen Landwirtschaft. Agrarier, Industrielle und Konsumenten würden deshalb langfristig gleichermaßen zu Nutznießern der in einer Übergangszeit unerläßlichen Schutzmaßnahmen. In Listscher Argumentation sind also kurzfristige Nachteile der Preis für den entscheidenden langfristigen Vorteil: die umfassende Förderung der eigenen produktiven Kräfte. Sind diese einmal entwickelt, so gilt es, die Schutzmaßnahmen radikal zu beenden. Denn dann ist eine Nation befähigt, sich ohne Peripherisierungsgefahr dem Freihandel auszusetzen und selbst eine freihändlerische Position mit Aussicht auf Erfolg zu verfechten.

Schutzmaßnahmen waren für List ­- das kommt in seinem Werk unmißverständlich zum Ausdruck -­ kein Allheilmittel: Je nach Entwicklungsstand können sie förderlich oder hinderlich sein. Ausdrücklich warnte er kontextbedingt vor Voreiligkeit und vor übertriebenen Zollsätzen, aber auch vor zu geringen. Für besonders schädlich hielt er protektionistische Maßnahmen, die ihre Anwendung nur partikularen durchsetzungsfähigen lobbyistischen Interessen verdanken, nicht aber einer kohärenten Entwicklungsstrategie. In der kritischen frühen Phase nachholender Entwicklung galt es, die branchen- und sektorenspezifisch richtige Dosierung von Offenheit nach außen und Schutzmaßnahmen zu finden.

List war also der Verfechter einer qualifizierten Mischstrategie von selektiver Weltmarktintegration und selektiver Abkopplung, und er sah das Mischungsverhältnis abhängig von der Selbstbehauptungs- bzw. Konkurrenzfähigkeit der schon mobilisierten produktiven Kräfte. Den richtigen Weg zu finden, war Aufgabe übergeordneter staatlicher Politik. Das Kunststück bestand darin, die eigene Ökonomie weder zu überfordern noch zu unterfordern. Natürlich war es leichter, eine solche Devise zu formulieren, als sie in Praxis zu übersetzen. Das wußte List, der Projektemacher und Entwicklungsplaner, nur zu gut.

Kohärente Entwicklung

Ziel der Förderungs- und flankierenden Schutzmaßnahmen mußte die Herausbildung eines ausgeglichenen Gefüges von Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen sein. Wie bei Adam Smith ging es auch bei List um die Ausweitung und Vertiefung von Arbeitsteilung, aber Lists Augenmerk war, da er sich mit der Problematik nachholender Entwicklung herumschlug, vor allem auf die (wie er schrieb) "Konföderation der produktiven Kräfte" gerichtet, in heutiger Diktion: auf die Vermaschung und Vernetzung, die diversen "linkages" der sich ausdifferenzierenden Wirtschaftssektoren. Der Sache nach dachte List in Kategorien ökonomischer Kohärenz und damit entlang der 90 Jahre später erfundenen Leontieffschen Input/Output-Analyse.

List wußte, daß Entwicklungsimpulse nicht flächendeckend entstehen und auch nur punktuell sich inszenieren lassen, weshalb ungleichgewichtiges Wachstum nicht zu vermeiden ist. Aber im Kern war er ein Anhänger gleich- gewichtigen Wachstums, weil nur über dieses eine kohärente Volkswirtschaft entstehen kann.

Wirkliche Kohärenz ist jedoch nur als Endpunkt einer schlüssigen Stufenfolge innerhalb eines Entwicklungsszenarios vorstellbar: List verfocht das Konzept einer sich schrittweise erweiternden und vertiefenden Importersatz-Industrialisierung. Dabei war wichtig, daß die industrielle Wertschöpfung immer stärker ins Inland verlagert würde, einschließlich der von ihr ausgehenden Ausstrahlungseffekte. Auf die frühe Entwicklungsstufe einer Gesellschaft, die Agrargüter und Rohstoffe exportiert und Fertiggüter importiert, sollte eine zweite Stufe folgen, in der es um die nationale Herstellung der Fertiggüter einfacheren Typs geht. In einer weiteren Stufe sollte der eigene Maschinenbau massiv gefördert werden.

So baut sich eine Ökonomie auf, die schrittweise zur Verarbeitung und Veredlung eigener und fremder Agrargüter und Rohstoffe fähig wird, und die immer mehr die dafür erforderlichen Ausrüstungsgüter selbst zu erzeugen imstande ist. Werden in einer späten Stufe auch technologie- und fertigkeitsintensive Produkte international wettbewerbsfähig, ist aus einem Agrarland schließlich und endlich eine für Freihandel reife Industriegesellschaft geworden. Würde List heute leben, er hätte an der Entwicklung Taiwans seine wahre Freude gehabt!

List, den man oft einseitig mit einem Programm der Frühindustrialisierung assoziiert, betrachtete jedoch eine leistungsfähige Landwirtschaft als Voraussetzung für Entwicklungsprozesse. Denn deren Aufgaben sind vielfältiger Natur: Einmal geht es darum, daß eine wachsende städtische Bevölkerung durch eine immer geringer werdende Zahl von in der Landwirtschaft Erwerbstätigen ernährt werden muß. Dann gilt es, die Industrie mit agrarischen Rohstoffen zu versorgen. Auch kommt die Gesellschaft nicht umhin, in der Frühphase der Industrialisierung durch offenen oder versteckten Ressourcentransfer die Industrialisierung und den Aufbau von Infrastruktur auf Kosten der Landwirtschaft zu alimentieren.

Zum anderen ist aber der landwirtschaftliche Sektor auch ein wichtiger Markt für die Industriegüter des täglichen Bedarfs und für landwirtschaftliche Ausrüstungsgüter. Trotz erheblicher Anforderungen und Belastungen muß also im ländlichen Raum eine zahlungskräftige Nachfrage übrigbleiben, wenn die gesamtwirtschaftliche Entwicklungsdynamik aufrechterhalten werden soll.

In solcher Überlegung von List wird deutlich, wie abwegig es ist, ohne prosperierende Landwirtschaft erfolgreich industrialisieren zu wollen. Für List hatte deshalb die Landwirtschaft einen entwicklungsstrategischen Stellenwert. Aber innerhalb und außerhalb Europas hatte man in den Entwicklungsprogrammen des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts, ob man sich auf List bezog oder nicht, diese "Selbstverständlichkeit" mehr oder weniger vergessen. Erst die vielen Entwicklungsdebakel der vergangenen Jahrzehnte haben jüngst dieser elementaren Einsicht zu neuem Leben verholfen.

Lists "Widerpartner"

Was immer List an einzelnen entwicklungspolitischen Maßnahmen vorsah, sein Programm hatte eine Gesamtperspektive: Die Produktion von produktiven Kräften war ihm wichtiger als die Produktion von Werten. Das heißt: Was immer der breitenwirksamen Erschließung eines nationalen Produktionspotentials dient, war höher zu bewerten als die unter kurzfristigem betriebswirtschaftlichem Kalkül effizient erscheinende Produktion wohlfeiler Waren. Oder noch einmal anders formuliert: Zu den Konstitutionsbedingungen einer Volkswirtschaft gehört nach List mehr als die Summe einzelbetrieblicher Rentabilitätsgesichtspunkte. Unerläßliche Lernkosten, die sich kurzfristig nicht rechnen, sind nicht zu vermeiden.

In solchen Überlegungen lag für List der Unterschied zwischen kosmopolitischer und politischer Ökonomie: Es war sinnvoll, kosmopolitisch ­ das heißt auf weltweite Allokationseffizienz ausgerichtet ­ zu argumentieren, sobald das eigene nationale Produktionspotential umfassend erschlossen war. Nur unter dieser Bedingung nähern sich betriebswirtschaftliches, nationalwirtschaftliches und weltwirtschaftliches Kalkül einander an. Solange aber nationale Produktivkräfte noch brachliegen oder nur zum Teil entwickelt sind, überdies meist unter Peripherisierungsdruck stehen, gilt es, von den Imperativen nationaler Ökonomie aus zu argumentieren und zu planen. In diesem zentralen Punkt unterschied sich List fundamental von der "englischen Schule", also von der klassische Lehre eines Adam Smith und seiner Nachfolger bis heute.

Letztendlich begriff jedoch List sein Programm als ein Hilfsinstrument, um eine potentiell entwicklungsbegabte Ökonomie vor Peripherisierung zu schützen und ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Er plädierte für das "nationale System der politischen Ökonomie", um über dessen Ausweitung eine kosmopolitisch strukturierte Weltwirtschaft erst wirklich zu ermöglichen. Wie gesagt: "Et la patrie, et lehumanité".

III.

 Aber erst in den 150 Jahren nach seiner Schaffenszeit gewann die von ihm thematisierte moderne Entwicklungsproblematik eine weltweite Bedeutung, insbesondere seit dem Entkolonisierungsschub in den 50er und 60er Jahren dieses Jahrhunderts. Wird angesichts solcher Erfahrungen die Listsche Perspektive eher bestätigt oder widerlegt?

Zunächst einmal ist festzuhalten: Lists hohe Bewertung einer breitgefächerten Mobilisierung des landwirtschaftlichen Potentials wird durch positive, aber auch durch negative Erfahrungen nachdrücklich unterstrichen. Innerhalb und außerhalb Europas hatten Länder mit erfolgreicher Leistungssteigerung im landwirtschaftlichen Sektor vor oder während des Industrialisierungsprozesses zweifelsfrei erhebliche Entwicklungserfolge zu verzeichnen. Demgegenüber blieben Länder ohne institutionelle Agrarreform und ohne agrartechnische Modernisierung unfähig, ihr Entwicklungspotential zu erschließen; sie gerieten in der Regel in erhebliche Engpässe.

Fatal ist, daß Entwicklungsplaner im 19. Jahrhundert, die auf List aufzubauen glaubten, aus seinem Werk eine einseitige Industrialisierungsstrategie unter protektionistischen Vorzeichen herauslasen, aber seine Empfehlungen hinsichtlich der erforderlichen vorgängigen Agrarentwicklung übersahen bzw. mißachteten. Vor allem in Ost- und Südosteuropa, auch im zaristischen Rußland, später in den sozialistischen Ländern war diese Fehlinterpretation gang und gäbe. Leider hat sich die selbe problematische Erfahrung, ob auf List aufbauend oder nicht, im größten Teil der Länder der Dritten Welt wiederholt ­ eine wirkliche Tragödie, da man es besser hätte wissen können. In all diesen Fällen blieb der Entwicklungsprozeß brüchig, in der Diktion Lists "einarmig" bzw. "verkrüppelt".

List meinte damit das, was in der modernen Entwicklungstheorie als "strukturelle Heterogenität" bezeichnet wird. Die aus ihr resultierende politische, sozio-ökonomische und kulturelle Zerklüftung von Gesellschaften wird, wie inzwischen vielfach belegt, zum Ausgangspunkt für viele sich zuspitzende Sozialkatastrophen: zur Geburtsstätte für den Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Selbst- versorgungsfähigkeit, für Landflucht und Massenpauperismus auf dem Lande, für eine übermäßige Urbanisierung und den "urban bias", für Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, schließlich für ein unkontrollierbares Bevölkerungswachstum. Unter solchen Bedingungen bleibt der "demographische Übergang" in Richtung auf niedrige Bevölkerungszuwachsraten unwahrscheinlich.

Diese Erscheinungen waren in der Geschichte der Peripherien innerhalb Europas, also in Ost-, Südost- und Südeuropa und in Irland, ebenso oft anzutreffen wie in vielen der derzeitigen Entwicklungsländer. Im übrigen haben Industrialisierungsversuche ohne vorgängige oder begleitende Reformmaßnahmen, gleichgültig unter welchen ordnungspolitischen Vorzeichen sie vorangetrieben wurden, genau jene Mißerfolge gezeitigt, die aus Listscher Perspektive erwartbar sind.

Relativ spät hat die neuere Entwicklungsdiskussion das sogenannte "immaterielle Kapital" oder Humankapital entdeckt, also jene geistigen Ressourcen und Kompetenzen, die für List von so großer Bedeutung waren. Länder, die in der Alphabetisierung ihrer Bevölkerung sowie im Ausbau weiterführender Bildungsstätten zurückblieben, waren nicht nur weniger erfinderisch als Länder mit differenziertem Ausbildungsangebot, sondern verhinderten auch die soziale Mobilität der Gesellschaft. Dadurch blieben potentielle Intelligenzressourcen brach liegen. Man vergleiche in dieser Hinsicht die skandinavische Entwicklung mit derjenigen weiter Teile Süd- und Südosteuropas, aber auch die Entwicklung der bildungsbeflissenen "vier Tiger Ostasiens" mit anderen Teilen der Dritten Welt, wo heute noch, anders als in Ostasien, hohe Analphabetenraten zu beobachten sind.

Auch den bedeutenden Stellenwert einer sich verzweigenden Infrastruktur für eine gedeihliche Entwicklung hat List korrekt gesehen.

Und was die außenwirtschaftspolitischen Maßnahmen angeht, so lehrt die Entwicklungsgeschichte seit den Tagen von List, daß Freihandel ein Sonderfall und unterschiedliche Ausmaße von Protektion die Regel waren. Hier muß im Lichte entwicklungsgeschichtlicher Erfahrung betont werden: List hatte recht, wenn er prognostizierte, daß Schutzmaßnahmen nur bei entsprechenden inneren Bedingungen für den Entwicklungsprozeß hilfreich seien. Für viele Fälle belegt die Geschichte, daß eine Abschottung nach außen ohne gleichzeitige gezielte Strukturreformen und entwicklungspolitische Maßnahmen im Innern zum Scheitern von Entwicklungsprozessen führt.

Der nicht selten gehörte Hinweis, die meisten Entwicklungsländer in der Welt hätten im 19. und 20. Jahrhundert trotz erheblicher Schutzmaßnahmen ihr Entwicklungsziel nicht erreicht, und deshalb seien Protektion und Staatsintervention abzulehnen, zeugt von einer Unkenntnis der differenzierten Listschen Argumentation, auf die oben aufmerksam gemacht wurde: In dem unverkürzten Listschen Entwicklungskonzept wurde der Außenwirtschaftspolitik eine zwar wichtige, aber letztlich doch nur die inneren Entwicklungsanstrengungen flankierende Bedeutung zugesprochen.

Die historische Erfahrung belegt im übrigen auch die Listsche Annahme, daß entsprechende Maßnahmen im Innern von Gesellschaften wie im Bereich der Außenwirtschaftspolitik nur vorstellbar sind unter den Bedingungen politischer Souveränität. Sie also ist als ein nicht gering zu schätzender Aktivposten von Entwicklung zu bewerten.

IV.

Merkwürdigerweise stand in den vergangenen vierzig Jahren Friedrich List, der als der Urgroßvater heutiger Entwicklungstheoretiker, Entwicklungspolitiker und Entwicklungsplaner bezeichnet werden könnte, zu keiner Zeit hoch im Kurs. Selbst die vielen Gedenkfeiern zu seinem 200. Geburtstag 1989 haben an diesem Sachverhalt nichts geändert. 1996 wurde der 150. Todestag mehr oder weniger übersehen; man erinnert sich offensichtlich nicht gern an das tragische Ende von Menschen ­ List wählte 1846, bei einer Reise nach Italien, aus Verzweiflung und in Depression den Freitod.

Wenn man Friedrich List im Rückblick als einen Anwalt des Deutschen Zollvereins betrachtet, ist dies nicht falsch, aber sein Entwicklungsverständnis auf Zollsätze zu reduzieren, käme einer unentschuldbaren Verkürzung, ja Fehldeutung seiner Argumentation gleich.

Wenn man Friedrich List im Jubiläumsjahr 1989 als einen frühen Vordenker europäischer Integration dargestellt hat, so ist das ebenfalls nicht falsch, wenngleich dennoch übertrieben: List konnte sich integrative Verbünde der sogenannten "entwicklungsbegabten Gesellschaften" vorstellen (und er hatte darüber geschrieben). Aber das war Zukunftsmusik angesichts der realen Probleme nachholender Entwicklung, auf deren Diagnose und Überwindung sein ganzes Werk gerichtet war, und in der Tat beginnt Integration im Sinne einer wechselseitigen freihändlerischen Öffnung der zu substitutiver Arbeitsteilung befähigten Ökonomien (EWG/EU) erst nach 1960.

Daß man seine wesentlichen Einsichten in der zweiten Hälfte des 19. und im frühen 20. Jahrhundert, wo man sich explizit auf ihn berief, auf ein einziges Versatzstück (den "Schutzzoll") reduzierte (mit dem von List aus prognostizierbaren Mißerfolg als Ergebnis), und daß man nach 1945 in der erst dann anhebenden breiten internationalen Entwicklungsdiskussion sein Werk einfach mißachtete, hat sowohl der theoretischen Diskussion als auch der praktischen Entwicklungspolitik geschadet.

Und wenn heute "Globalisierung" diskutiert wird, sollte man nicht vergessen, daß die Listsche Thematisierung der modernen Entwicklungsproblematik auf nichts anderes fokussiert ist als auf die Hintergründe und Folgewirkungen jener Globalisierung, die von der damals führenden Weltwirtschaftsmacht Großbritannien ausging. Heute geht sie von den OECD-Gesellschaften aus und wirkt auf diese zurück, ja versetzt sie sogar in Turbulenzen. Bei Lichte betrachtet ist also Friedrich List auch in dieser Hinsicht immer noch auf der Höhe der Zeit.

Schon zu Lists Zeit war nachholende Entwicklung nur unter äußersten Anstrengungen inszenierbar. Das ist heute nicht anders. Möglicherweise ist die Lage viel zugespitzter; darüber wäre im einzelnen zu diskutieren. Aber daß es hierfür immer noch Handlungsspielräume gibt, das belegt die sehr unterschiedliche Entwicklung unterschiedlicher Teile der Dritten Welt, inzwischen auch der OECD-Welt. Und allein schon diese Erfahrung, die von der konfigurativen Diagnose Friedrich Lists her gesehen ganz naheliegend ist, läßt seine Einsichten als weiterhin relevant erscheinen.

 

 

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